Über den Tellerrand: Arbeitskräfte aus dem Ausland als Chance für die deutsche Wirtschaft

 

Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einem stetigen Aufschwung. In vielen Regionen Deutschlands ist die Arbeitslosigkeit gering, in weiten Teilen der Wirtschaft werden Arbeitskräfte gesucht. Deutschland genießt weltweit ein positives Image. Dieses gute Image zusammen mit der soliden wirtschaftlichen Situation machen den Arbeitsstandort Deutschland auch für Bewerber aus dem Ausland attraktiv. Der Fachkräftereport der Bundesregierung setzt dabei auf qualifizierte Zuwanderung, um auch zukünftig ausreichend Fachkräfte für den deutschen Arbeitsmarkt zu sichern.

Wir wagen nun einen Blick über die Grenze und fragen, wer im Ausland nach einem Job in Deutschland sucht. Hierfür nutzen wir die Daten des Jobportals Indeed. Mit Hilfe dieser Daten können wir verfolgen, wie aus allen Ländern der Welt nach Jobs in Deutschland gesucht wird. Dabei konzentrieren wir uns auf die Beantwortung von drei wesentlichen Fragen: Erstens, aus welchen Ländern kommen die Jobsuchenden ? Zweitens, wo in Deutschland wollen ausländische Fachkräfte am liebsten arbeiten? Und drittens, nach welchen Jobs wird gesucht?

Die wichtigsten Ergebnisse der Analysen sind:

  1. Die meisten Jobsuchen aus dem Ausland kommen aus Großbritannien, Österreich und der Schweiz.
  2. Berlin, Bayern und Hamburg sind die beliebtesten Bundesländer bei Jobinteressenten aus dem Ausland. Am schlechtesten schneiden Niedersachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt ab. Von den 20 größten deutschen Städten sind Berlin, München und Frankfurt am Main am gefragtesten. Die Schlusslichter bilden Bochum, Wuppertal und Bielefeld.
  3. Gefragte Fachkräfte wie Ingenieure, Erzieher oder Gesundheits-, Kranken- und Altenpfleger aus dem Ausland interessieren sich für qualifizierte Jobangebote in Deutschland.

Jobsuche aus dem Ausland hauptsächlich aus anderen EU-Mitgliedstaaten

Die meisten Jobsuchenden in Deutschland suchen in ihrer Heimat einen Job: Nur 5,8 % schauen sich im Ausland um. Fast genauso hoch, 5 %, ist der Anteil aller Jobsuchen in Deutschland aus dem Ausland. Aus welchen Ländern stammen die Interessenten? 60 % aller Suchanfragen aus dem Ausland kommen aus 10 Ländern: Spitzenreiter ist Großbritannien, gefolgt von Österreich, der Schweiz, den USA, Frankreich, Polen, Italien, den Niederlanden, Spanien und Kroatien.

Ein genauerer Blick auf diese Länder verdeutlicht, dass sie drei Merkmale gemeinsam haben: die EU-Mitgliedschaft, die geografische Nähe zu Deutschland sowie Kenntnisse der deutschen Sprache. EU-Mitgliedsstaaten machen die größte Gruppe (8 von 10 Ländern) aus. Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb der EU-Mitgliedsstaaten sowie Abkommen zwischen der EU und der Schweiz ermöglichen eine unbürokratische grenzübergreifende Jobsuche. Bei der Hälfte der Länder des Top-10-Rankings handelt es sich um Nachbarstaaten Deutschlands. Die direkten Nachbarn aus dem Westen und Süden spielen dabei eine größere Rolle als die aus dem Norden und Osten. Kenntnisse der deutschen Sprachen sind bei mindestens der Hälfte der Länder vorhanden: In Österreich und der Schweiz wird Deutsch gesprochen. Zahlen des Statistischen Amtes der Europäischen Union (Eurostat) zeigen, dass viele Polen, Niederländer und Kroaten auch häufig Deutsch lernen.

Das Suchverhalten ist ein Zeichen dafür, dass Jobsuchende darüber nachdenken, nach Deutschland zu ziehen. Das heißt aber nicht, dass ausländische Fachkräfte tatsächlich einen Job in Deutschland annehmen würden. In einer dieses Jahr veröffentlichten Indeed-Studie werden Gründe identifiziert, warum Jobinteressenten zwar international nach Jobs suchen, aber schließlich doch nicht auswandern.

Bundesländer und Städte sind unterschiedlich attraktiv

Ein Vergleich der 16 Bundesländer sowie der 20 größten Städte zeigt, wo Fachkräfte aus dem Ausland sich vorstellen könnten zu arbeiten. Bei den Bundesländern sind Berlin, Bayern und Hamburg am beliebtesten. Berlin liegt dabei mit großem Abstand auf dem ersten Rang. Die ostdeutschen Bundesländer schneiden insgesamt schlechter ab. Allerdings befindet sich Sachsen im vorderen Teil des Rankings, während einige westdeutsche Bundesländer nur sehr wenig gefragt sind. Niedersachsen bildet zusammen mit Thüringen und Sachsen-Anhalt das Schlusslicht des Rankings.

Ein Grund für das hohe Interesse von ausländischen Fachkräften an Jobs in Bayern und dem geringen Interesse für Niedersachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt ist die Beliebtheit von Städten innerhalb dieser Bundesländer. Eine alleinige Betrachtung der Bundesländer würde die großen regionalen Unterschiede verdecken. Deshalb werfen wir in einem zweiten Schritt einen Blick auf die 20 größten Städte in Deutschland. Nach Berlin sind München und Frankfurt am Main bei Jobsuchenden aus dem Ausland am beliebtesten. Die Städte München und Frankfurt am Main sind dabei gefragter als die Bundesländer Bayern und Hessen insgesamt. Viele andere Städte in Bayern und Hessen erfreuen sich somit einer wesentlich geringeren Beliebtheit bei ausländischen Jobinteressenten.

Wie groß die Unterschiede innerhalb der Bundesländer sein können, verdeutlicht ein Blick auf Nordrhein-Westfalen (NRW). In NRW liegen die meisten der 20 größten Städte in Deutschland. Das Rheinland mit Düsseldorf, Köln und Bonn ist mit Abstand die attraktivste Region in Nordrhein-Westfalen für Jobsuchende aus dem Ausland. Im Gegensatz dazu befinden sich die Schlusslichter des Rankings ebenfalls in NRW: Bielefeld, Wuppertal und Bochum.

Die beiden ostdeutschen Städte Dresden und Leipzig zählen zu den 20 größten Städten in Deutschland. Beide Städte befinden sich im guten Mittelfeld des Rankings und sorgen dafür, dass Sachsen im Vergleich mit den anderen Bundesländern auch im guten Mittelfeld liegt. Dresden scheint für Jobinteressenten aus dem Ausland allerdings noch um einiges attraktiver zu sein als Leipzig. Eine mögliche Erklärung: Die sächsische Landeshauptstadt liegt im Gegensatz zu Leipzig in einer Grenzregion und ist dadurch für Jobsuchende aus den Nachbarländern attraktiv. Sie könnten dort einen Job annehmen, ohne ihren Wohnort nach Deutschland verlegen zu müssen.

Die unterschiedlichen Ergebnisse der Bundesländer und der einzelnen Städte lässt die Frage aufkommen, warum bestimmte Regionen und Städte bei Jobsuchenden aus dem Ausland gefragter sind als andere. Das Beispiel von Dresden und Leipzig hat bereits eine erste Erklärung aufgezeigt, nämlich die Nähe zur Grenze und damit die Möglichkeit eines grenzübergreifenden Arbeitens, ohne den Wohnort – und damit das Land – wechseln zu müssen. Außerdem führt vermutlich die touristische Bekanntheit von Städten oder Regionen dazu, dass Ausländer dort nach einem Job suchen. Tatsächlich weisen gerade die Städte, die bei Jobinteressenten aus dem Ausland beliebt sind, laut dem Statistischen Bundesamt hohe Besuchs- und Übernachtungszahlen auf. Geschäftliche Übernachtungen werden eingerechnet, allerdings sorgt eine geschäftliche Beziehung zu einer Stadt ebenso für deren Bekanntheit wie ein Urlaubsbesuch. Ein gutes Stadtmarketing könnte also nicht nur mehr Touristen anziehen, sondern auch mehr qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland.

Ingenieure & Co: Qualifizierte Jobs in Deutschland sind im Ausland gefragt

Betrachten wir abschließend die 10 Länder näher, aus denen die meisten Jobsuchen kommen. Wir haben die 10 am häufigsten gesuchten Jobs und Fähigkeiten identifiziert. Für die meisten von ihnen sind eine Ausbildung oder ein Studium notwendig: In Großbritannien, Österreich, der Schweiz, Frankreich, Italien, den Niederlanden und Spanien erfordern die gesuchten Jobs in mindestens 8 von 10 Fällen eine Ausbildung oder ein Studium. In Polen sind es 7 von 10 der gesuchten Jobs und Fähigkeiten, in Kroatien noch 5 von 10.

Es gibt 4 Jobs und Fähigkeiten, die von fast allen ausländischen Jobinteressenten auf dem deutschen Arbeitsmarkt gesucht werden: Sprachen (Landessprache und Englisch), Marketing, Finance und Controlling sowie Ingenieure. Darüber hinaus sind Personalwesen, Vertrieb und die Chemie- und Pharmabranche gefragte Berufsfelder der Jobsuchenden aus dem Ausland.

Neben diesen Gemeinsamkeiten suchen Jobinteressenten aus den verschiedenen Ländern auch nach sehr unterschiedlichen Jobs. Auf einige Unterschiede wollen wir im Folgenden etwas näher eingehen.

Schauen wir zunächst auf Großbritannien. Immer wieder von den Medien aufgegriffen, ist die Abwanderung von Finanzjobs aus London im Zuge des Brexits ein Thema. Tatsächlich ist die Suche nach Jobs im Bereich Finance und Controlling unter den Top 10, allerdings ist diese Suche kein Alleinstellungsmerkmal der Jobinteressenten aus Großbritannien. So suchen zum Beispiel die Schweizer verhältnismäßig am häufigsten nach Finance- und Controlling-Jobs in Deutschland. Banken und Versicherungen mit Sitz in Großbritannien haben Umzüge in andere Länder der EU zwar angekündigt, ihre Firmensitze und damit auch die Arbeitsplätze bisher aber noch nicht verlegt. Auffällig ist hingegen die Suche nach zwei Jobs, die so nur aus Großbritannien kommt: SAP- und Salesforce-Experten.

Jobsuchende aus dem Ausland suchen sehr häufig nach Ingenieurspositionen in Deutschland. Ingenieure sind in vielen Bereichen tätig. 25 % der Jobsuchen aus den USA für eine Anstellung als Ingenieur oder Ingenieurin richten sich explizit an den Bereich Maschinenbau. Die Italiener verstehen etwas von gutem Essen und Mode – diese Klischees spiegeln sich auch bei der Jobsuche wieder: Jobinteressenten aus Italien suchen in Deutschland nach Jobs als Pizzabäcker oder im Bereich Fashion. Jobsuchende aus den Niederlanden und Spanien wollen hingegen gern als Sozialpädagogen und Erzieher arbeiten. Eine völlig andere Qualifikationsrichtung zeigen die Suchen aus Polen: Polnische Jobsuchende suchen in Deutschland nach Anstellungen als Schweißer, Elektroniker oder als Mechaniker (etwa zur Bedienung von CNC-Maschinen und CNC-Software) sowie als Gesundheits-, Kranken- und Altenpfleger.

Eine Chance für die deutsche Wirtschaft

Unsere Analysen verdeutlichen, dass insbesondere die EU-Mitgliedstaaten ein Potenzial an ausländischen Arbeitskräften bieten, die am deutschen Arbeitsmarkt interessiert sind. Ein Blick auf die gesuchten Jobs und Fähigkeiten verdeutlicht, dass es sich häufig um Berufsfelder handelt, die in vielen Teilen Deutschlands stark nachgefragt werden: etwa Ingenieure, Sozialpädagogen oder Erzieher sowie Gesundheits-, Kranken- und Altenpfleger. Eine Chance, die die deutsche Wirtschaft ergreifen kann, um zukünftig ausreichend Fachkräfte für den deutschen Arbeitsmarkt zu sichern.

Methodik

Die Analysen beziehen sich auf Jobsuchen auf de.indeed.com in der Zeit von August 2016 bis September 2017. Um die 10 am häufigsten gesuchten Jobs und Fähigkeiten zu identifizieren, werden die 50 häufigsten Suchbegriffe ausgewertet und verschiedene Suchbegriffe zu gemeinsamen Kategorien zusammengefasst. Wenn in diesem Beitrag nur die männliche Form einer Jobbezeichnung genannt wird, wie zum Beispiel Ingenieure, sind selbstverständlich Ingenieurinnen und Ingenieure gemeint. Das Vereinigte Königreich Großbritannien und Nordirland wird im deutschen Sprachgebrauch meistens als Großbritannien bezeichnet. Um eine bessere Lesbarkeit zu erreichen, nutzen wir hier ebenfalls die Bezeichnung Großbritannien, wenn wir das Vereinigte Königreich Großbritannien und Nordirland meinen.